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19
Feb

Orwell

Privatsphäre war gestern. In der heutigen Welt ist die totale Überwachung allgegenwärtig und jegliche Kommunikation wird von der Regierung ausspioniert. Doch nicht alle Menschen sind mit diesem Vorgehen einverstanden. In der amerikanischen Stadt Bonton kommt es daher zu einem schwerwiegenden Terroranschlag, bei dem mehrere Menschen sterben. Die bisherigen Hinweise deuten darauf hin, dass der Anschlag aus Protest gegen die Überwachung stattfand und ein polizeibekanntes Mädchen taucht kurz zuvor am Tatort auf. Wie es die Ironie des Schicksals will, soll ausgerechnet das Überwachungssystem Orwell nun Hinweise über die Verdächtigen finden, ein Persönlichkeitsprofil erstellen und die Täter letztendlich überführen. Dumm nur, dass es längst einen Feind im eigenen System gibt…

Kritik:
Seit Edward Snowden und die Aufdeckung des NSA-Skandals ist die totale Überwachung ein allgegenwärtiges Thema. Nicht wenige Menschen befürchten seitdem, George Orwells Werk „1984“ würde endgültig zur Realität werden. Denn schon damals wurde deutlich, dass der Geheimdienst offenkundig in der Lage ist, jegliche Kommunikation zu überwachen. Doch was, wenn man einmal selbst in die Rolle des Überwachers schlüpfen kann?

Orwell

Totale Überwachung
Genau das machen wir in dem Indie-Game mit dem passenden Titel „Orwell“. Wir übernehmen hier die Kontrolle über ein mächtiges Überwachungswerkzeug des Geheimdienstes und sind mit diesem Programm in der Lage, das gesamte Leben von Zielpersonen auszuspionieren. Nach einem Terroranschlag sollen wir schließlich als investigativer Geheimagent, im (In-Game) Internet nach Hinweisen und Informationen suchen, die die Verdächtigen mit dem Anschlag in Verbindung bringen. Auf irgendeiner Webseite eine Angabe zu Social Media-Accounts gefunden – und schon gibt uns „Orwell“ mit einer Backdoor sofortigen Zugriff auf den Account. Finden sich dort anschließend Telefonnummern, E-Mail-Adressen und Chataccounts, dauert es auch hier nur wenige Sekunden und wir sind live in der Lage, die Kommunikation der Zielpersonen abzufangen. Und wenn dann auch noch das große Los gezogen und eine Hardware-ID eines Computers oder Smartphones gefunden wird, ist gar der Vollzugriff möglich. Doch in all diesen Überwachungsmöglichkeiten ist es unsere Aufgabe, die richtigen Informationen zu finden, diese ins Orwell-System hochzuladen und ein Persönlichkeitsprofil über unser Ziel zu erstellen.

Orwell

Auswertung von Daten
Da mag man sich mitunter natürlich fragen, wozu ein solch mächtiges und fast schon automatisiert funktionierendes System überhaupt einen realen Anwender benötigt. Das erklärt sich aber schnell ganz einfach: Unsere Aufgabe ist es nämlich auch, die Informationen nach Wahrheitsgehalt auszuwerten. Denn wir wissen: Nicht jeder sagt im Internet immer die Wahrheit. Manches Mal ist es auch einfach nur Angeberei gegenüber den eigenen Freunden. Und nicht selten finden sich gar völlig widersprüchliche Informationen im Netz, bei denen wir letztendlich entscheiden müssen, welche Hinweise tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Die Oberfläche von „Orwell“ ist dabei ziemlich simpel und einfach gehalten. Statt aufwändiger und beeindruckender 3D-Grafik, gibt es lediglich eine 2D-Oberfläche eines Computerprogramms. Über die Reiter „Reader“, „Listener“ und „Insider“ können wir wahlweise auf den Browser, das Kommunikationsabhör-Tool oder die Backdoor eines Computers oder Handys zugreifen. Man fühlt sich also tatsächlich ein bisschen mächtig. Die Bedienung ist einfach und doch hat man das Gefühl, in die tiefste Privatsphäre eines Menschen eindringen zu können. Dieses mitunter beklemmende Gefühl bringt „Orwell“ fantastisch rüber.

Orwell

Fehler kosten Leben
Faszinierend wird das Spiel allerdings erst dadurch, dass unsere hochgeladenen Informationen und unsere Entscheidungen tatsächlichen Einfluss auf den Spielablauf haben und das manchmal ein bisschen rasanter, als es uns lieb wäre. Eine kleine Falschinformation ins System geladen und ein Verdächtiger wird zu Unrecht festgenommen oder Menschen könnten ums Leben kommen. Denn das „Orwell“-System zögert nicht lange, die aus dessen Sicht notwendigen Maßnahmen anhand der Informationen einzuleiten. Stufen wir einen Verdächtigen als gefährlich ein, obwohl dies gar nicht der Fall ist, kann das unangenehm enden. Mitunter ist es schon faszinierend und auch erschreckend zugleich, wenn wir einen durch uns ausgelösten Vorfall live beim Abhören eines Telefonats miterleben können. Doch an dieser Stelle wollen wir einmal nicht weiter spoilern, um den Spielverlauf nicht schon vorab zu verraten.

Orwell

Gegner im System
Der andere spannende Aspekt des Spiels ist die Tatsache, dass wir ausgerechnet gegen Verdächtige ermitteln, die ironischerweise gegen das eigene Überwachungssystem protestiert haben. Ohne tatsächliche Figuren steuern zu können, bieten die jeweiligen Protagonisten schon eine sehr intensive und aufregende Geschichte, die uns selbst dann in den Bann zieht, wenn wir ausschließlich ein Überwachungssystem steuern. Doch nicht jeder Verdächtige ist automatisch ein offenes Buch für „Orwell“. Manche sind mit ihren Angaben im Netz tatsächlich vorsichtig und werden selbst für uns zu einer harten Nuss. Kommt dann auch noch ein Hacker ins Spiel, der sich als Gegner unseres Systems entpuppt, wird es erst richtig spannend und „Orwell“ entfaltet sein volles Potential. Denn was passiert, wenn ein Hacker und Terrorist es tatsächlich schaffen würde, sich Zugang zum System zu verschaffen und Unschuldige als Terroristen einzustufen? In jedem Fall ist „Orwell“ eines dieser Spiele, wenn nicht gar das einzige Spiel, das uns tatsächlich darüber nachdenken lässt, ob wir nicht doch lieber ein paar Informationen weniger im Netz und in unseren Social-Media-Accounts preisgeben sollten.

Fazit:
Ein kurzes, aber sehr eindringliches und faszinierendes Spiel über die totale Überwachung, bei der wir selbst in die Rolle des Überwachers schlüpfen müssen und über die Fähigkeiten der NSA verfügen. Nach diesem Spiel wird so mancher nicht mehr bereitwillig all seine privaten Details in die Social-Media-Netzwerke laden.

Orwell Wertung



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