Europa Universalis IV | Virtual DVD Magazine – News



30
Aug

Europa Universalis IV

Die Landkarte sieht im Jahre 1444 noch ein bisschen anders aus, als heute. Kleine Provinzen stehen kurz davor, historische Kriege zu führen und vor allem Deutschland ist noch weit davon entfernt, ein vereinigtes Land zu sein. Selbst kleinere Länder wie Hessen oder Trier könnten womöglich schon bald in direktem Konflikt miteinander stehen. Bei den vielen Auseinandersetzungen ist ein starkes Militär schon bald Pflicht, doch auch die Ausbreitung auf andere Gebiete und Kontinente spielt eine große Rolle. Keine leichte Aufgabe für den jeweiligen Thronfolger, denn eine funktionierende Wirtschaft ist ausschlaggebend für den Erfolg einer Nation. Krieg ist teuer, Provinzen wollen unterhalten werden und das Handelseinkommen eines Landes zu Beginn nicht allzu hoch. Ganz zu schweigen von all dem Prestige, der Legitimität des Herrscherhauses und verschiedenen politischen Veränderungen, die in den nächsten Jahrhunderten eine große Rolle spielen werden. Willkommen bei „Europa Universalis IV“.

Kritik:
Man merkt vermutlich an dieser Beschreibung bereits: Dieses Spiel aus dem Hause Paradox Interactive ist nichts für den blutigen Anfänger. Wer schon mit Strategiespielen wir „Risiko“ überfordert ist, der braucht sich an diesen Titel wohl gar nicht erst heran wagen. Die Kartenansicht ist dabei mit dem berühmten Brettspiel vergleichbar, doch im Kern geht es dabei gefühlte 30 mal komplexer und umfangreicher zu. Denn jede noch so kleine Veränderung in seiner eigenen Nation hat mitunter weitreichende Auswirkungen auf andere Funktionen und Systeme. Und das will erst einmal beherrscht werden. Das Problem: Wirklich einsteigerfreundlich ist „Europa Universalis IV“ nicht. Geduld und möglichst viel Zeit sollte mitgebracht werden. Letztendlich haben es aber selbst wir geschafft, die wir eigentlich verschiedene Genres spielen und keine Strategieveteranen sind, das Spiel letztendlich einigermaßen zu beherrschen.

Europa Universalis IV

Aller Anfang ist schwer
Ein Tutorial liefert das Hardcore-Strategiespiel natürlich mit. In mehreren Abschnitten lernen wir dabei die grundlegende Steuerung von „Europa Universalis IV“ kennen, gehen später auf Kriegsführung, Wirtschaft und andere Funktionen ein und dürften uns anschließend an einem Tutorial-Szenario versuchen, an dem unerfahrene Spieler glatt auch mal scheitern können. Aber kein Grund, gleich die Motivation zu verlieren, denn dran bleiben lohnt sich und früher oder später wird jeder dieses Spiel beherrschen können. Bis dahin sind allerdings locker mindestens vier Stunden Einarbeitungszeit nötig, um sich überhaupt an eine Singleplayer-Partie wagen zu können. Und selbst hier stellen wir immer wieder fest, dass einzelne Funktionen vom Tutorial nicht angesprochen wurden und zusätzliche Einarbeitungszeit erfordern. Nicht selten hatten wir große Fragezeichen auf dem Kopf, wie man denn diese und jene Funktion nochmal verwendet. Etwa das Transportieren von Einheiten auf dem Schiff. Eines garantieren wir aber: Eine Singleplayer-Partie vollständig abgeschlossen und man hat das Spiel soweit verstanden.

Europa Universalis IV

Komplexitätsmonster
Hat man erst einmal jede Funktion und deren Zusammenspiel verinnerlicht, überrascht „Europa Universalis IV“ mit einem ausgesprochen hohen Tiefgang. Immerhin müssen wir wirklich alle Aspekte unseres Staates im Auge behalten, um letztendlich zum Erfolg zu kommen. Eine positive Bilanz ist also in jedem Bereich nötig, nicht nur bei der Wirtschaft. Wenn gleich diese wohl am wichtigsten ist, denn für die Erweiterung unserer Provinzen und das Einnehmen von Steuern, ist zunächst einmal Geld nötig, das wir ausgeben können. Denn wo kein Wohlstand ist, da auch keine Steuern. Einmal zu viele Darlehen aufgenommen, die wir nicht mehr zurückzahlen können, ist der Bankrott unausweichlich. Das dauerhafte Aufnehmen von Schulden, wie dies wohl diverse Staaten in der Realität versuchen, ist so nicht praktikabel möglich und führt unsere Nation auf kurz oder lang in den Ruin. Jeder Krieg erhöht jedoch die Kosten, jedes verlorene Land an die Konkurrenz verringert unsere Einnahmen. Von etlichen Modifikatoren mal ganz abgesehen.

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Jeder König braucht Berater
Im Grunde genommen haben wir auf verschiedene Arten nämlich jederzeit die Möglichkeit, die Kosten zu beeinflussen und jede Funktion durch Modifikationen zu verändern. Dabei kommen nicht nur regelmäßige politische Ereignisse ins Spiel, bei denen wir Entscheidungen treffen müssen, sondern auch drei politische Berater, die zwar einerseits Geld kosten, aber andererseits auch mit Rat und Tat zur Seite stehen. So können wir etwa einen Berater mit positivem Steuermodifikator einstellen und dadurch mehr Geld durch Steuern einnehmen. Oder die Handelseinnahmen modifizieren, falls wir damit mehr Geld verdienen. Ähnliches gibt es allerdings auch für diplomatisches Geschick, für Technologiekosten, für den Armeeunterhalt und vieles mehr. Das alles im Auge zu behalten, ist nicht immer einfach.

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Stabilität ist alles
Wichtig ist unterdessen auch eine hohe Stabilität, Prestige und Legitimität. Stabilität sorgt schließlich dafür, dass unsere Steuereinnahmen und Kosten stabil bleiben und unser Staat letztendlich gut am Laufen gehalten wird. Dabei müssen wir stets darauf achten, die Stabilität über null zu halten. Dumm nur, dass sich jene ständig verschlechtert, wenn ein neuer Thronfolger antritt, politische Zufallsereignisse eintreten, oder wir etwa Krieg führen. Ein Krieg ohne Grund angezettelt, oder ein Friedensabkommen gebrochen und unsere Stabilität sinkt. Dasselbe gilt für Prestige, denn unter anderem verlorene Länder verringern unser Prestige. Dazu auch zahlreiche andere Ereignisse. Zu niedriges Prestige kann in einer Staatsehe dazu führen, Juniorpartner des Nachbarn ohne diplomatische Rechte zu werden. Hohes Prestige wiederum ermöglicht die Beanspruchung der Thronfolge eines anderen Landes mit Staatsehe, wenn dieses keinen legalen Thronfolger hat. Wir können also die diplomatischen Beziehungen grundlegend verändern, manchmal sogar ohne tatsächlich Krieg zu führen. Spannend.

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Unruhige Bevölkerung
Doch auch die Legitimität der eigenen Regierung ist ausschlaggebend dafür, ob unser Volk uns weiterhin zur Seite stehen. Wird das Staatsoberhaupt nicht von der Bevölkerung anerkannt, kommt es zu Unruhen und wir erhalten vor allem mit gegründeten Kolonien ernsthafte Probleme. Ist das Freiheitsbestreben zu hoch, führt dies nämlich zu einer möglichen Revolte und einer Forderung nach Unabhängigkeit. Nebenbei verweigern diese dann aber auch noch den Handel mit uns und verringern unser Einkommen zum Teil drastisch. Deswegen haben wir hier ein weiteres System, das wir im Auge behalten sollten, um das Spiel zu beherrschen. Die hohe Komplexität macht „Europa Universalis IV“ dabei zu einer Herausforderung mit Tiefgang. Zumal auch annektierte Staaten bei unterschiedlicher Kultur oder Religion zum Aufstand neigen können. Daher sind auch Kriegsfolgen nicht immer leicht zu beherrschen. Einfach den Gegner platt machen, reicht hier längst nicht aus.

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Religion und Kultur
Wie auch in der Realität spielt natürlich Religion und Kultur bei „Europa Universalis IV“ eine entscheidende Rolle. Dies beeinflusst nicht nur unsere Beziehungen zu anderen Ländern direkt (je mehr Gemeinsamkeiten, desto leichter sind die diplomatischen Beziehungen), sondern hat auch Einfluss auf unsere gesellschaftlichen Errungenschaften. So können wir im Laufe der Zeit nicht nur andere Regierungsformen annehmen, sondern erhalten außerdem andere gesellschaftliche Ideen. Neben dem klassischen Forschungssystem gibt es – bestimmte Forschungsstufen vorausgesetzt – nämlich auch noch ein Ideensystem, bei der wir die Art der zu erforschenden Ideen selbst festlegen können. Ob religiös oder humanistisch, ob militärisch oder diplomatisch, ob Handel oder Spionage – unsere Richtung entscheiden wir selbst. Doch je mehr Ideen wir entdecken, desto weiter entwickelt sich auch unsere Gesellschaft, die wiederum abhängig von der Kultur vorgegeben ist. Spanier erhalten somit andere gesellschaftliche Errungenschaften als etwa Ottomanen. Spannend.

Europa Universalis IV

Macht ist das A & O
Bei der Erforschung neuer Technologien und Ideen kommt es aber vor allem auf unsere Macht an. Anders als in den meisten Strategiespielen errichten wir keine Forschungseinrichtungen in unseren Provinzen, sondern verstärken unsere Macht. Das kann unter anderem ebenfalls durch das Einsetzen von politischen Beratern geschehen, die uns zusätzliche Machtpunkte in den Bereichen Administration, Diplomatie und Militär ermöglichen. Sowohl die Machtpunkte, als auch der Forschungsbaum bezieht sich gänzlich auf diese drei Bereiche. Genug Machtpunkte erreicht, investieren wir diese in Forschung oder eben Ideen. Mit der administrativen Macht erforschen wir beispielsweise religiöse und humanistische Ideen, mit der diplomatischen Macht verbessern wir unsere Handelseffizienz oder forschen die Spionage und die militärische Macht dient der Entdeckung neuer militärischer Einheiten oder dem erforschen von offensiven, wie defensiven Strategien. All das bringt uns Vorteile im späteren Spielverlauf, wenn gleich Militär eben nicht ganz im Mittelpunkt steht.
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Kolonien sind keine Stützpunkte
Hauptsächlich geht es in „Europa Universalis IV“ nämlich darum, sein eigenes Territorium zu erweitern. Das geschieht unter anderem auch mit der Kolonisation von fremden Kontinenten, auf denen wir die Einheimischen zurückdrängen, um eigene Kolonien zu gründen. Genau deshalb ist allerdings auch das klassische Spielziel nicht ausschlaggebend, denn eine komplette Welteroberung ist durch das Koloniesystem nicht mehr möglich. Sobald die erste Kolonie gegründet wurde, breitet diese sich kurzerhand bald auf die Nachbarländer aus und gründet eine eigene Nation, sobald mindestens sieben Provinzen in der Kolonie errichtet wurden. Das führt allerdings dazu, dass wir die Kolonie nicht mehr selbst verwalten können, sondern diese stattdessen damit beginnt, Handel mit uns zu führen, den wir dann durch globale Tarife verzollen können. Das Gründen von Kolonien dient also in erster Linie dem Erhöhen unserer Einnahmen und nicht als strategischer Militärstützpunkt. Das ist auf den ersten Blick etwas befremdlich, sorgt aber schnell für noch mehr Tiefgang im Wirtschafts- und Diplomatiesystem. Denn wollen wir den strategischen Stützpunkt nutzen, müssen wir die Truppenstationierung mittels Diplomatie vereinbaren. Das geht allerdings auch mit anderen befreundeten Staaten. Ihr seht also bereits: „Europa Universalis IV“ ist extrem komplex und richtet sich ganz klar an die Profi-Strategen.

Fazit:
Wer schon mit klassischer 4X-Strategie überfordert ist, wird mit „Europa Universalis IV“ sicher nicht glücklich werden. Allen anderen Strategen, die allerdings eine echte Herausforderung suchen, offenbart sich hier ein Hardcore-Strategiespiel mit sehr hoher Komplexität und einem enormen Tiefgang.

Übrigens: Auch nach mehreren Jahren arbeitet Paradox Interactive weiterhin an dem Spiel und veröffentlicht regelmäßig neue DLCs und Addons, die “Europa Universalis IV” noch komplexer machen. Erst vor kurzem haben sie auf der Gamescom das kommende Addon “Rights of Man” angekündigt.

Europa Universalis IV Wertung



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